Rainer Wagner
Alle in einem Boot Ökumene - und der Preis der Einheit

 

Seite 7-11

Am Ende seines dreijährigen öffentlichen Wirkens, wenige Tage vor seinem Kreuzestod, wird der Herr Jesus von den Jüngern gefragt: "Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?" (Mt. 24,3c). Jesus nennt dann vielfältige Vorzeichen in der Natur, unter den Völkern und in der Politik, die das Ende der heutigen Weltsituation kennzeichnen. Als erstes aber gibt er eine eindringliche Warnung: "Seht zu, dass euch nicht jemand verführe" (Mt. 24,4).
Wer die Bibel untersucht, stellt fest, dass fast alle neutestamentlichen Hinweise im Blick auf das Ende der Welt Warnungen vor Verführungen enthalten (Apg. 10,29.30).
Jesus selbst warnt vor falschen Christussen und falschen Propheten (Mt. 24,5.23-26; Apg. 20,29.30). Paulus erwähnt Irrlehrer, die von bösen Geistern inspiriert sind (1. Tim. 4,1-4) und Verkündiger, die das predigen, was die Menschen der letzten Zeit gern hören möchten (2. Tim. 4,3.4). Er nennt sogar Einzelheiten. Die Gemeindeglieder der Endzeit würden dem Irrtum verfallen, durch scheinbare Wunder der Verführer betört und vom Heil weggelockt werden. Auch Petrus geht auf die endzeitlichen Verführungen ein. Er sagt, dass die Irrlehrer der Endzeit Gottes Heilstaten in Frage stellen und die Tatsache der Wiederkunft Jesu lächerlich machen werden. Dabei werden sie selbst vielen sündhaften Verhaltensweisen verfallen sein und Gemeindeglieder in deren sündigem Treiben bestätigen (2. Petr. 3,3-7).
Zusammengefasst warnt Gottes Wort, dass Irrlehrer aus den eigenen Reihen die größte Gefahr für Jünger Jesu in der Endzeit darstellen werden. In Verbindung mit Verfolgung und Anfeindung durch die gottlose Welt, wird ihr Treiben dazu führen, dass es auch unter Gläubigen kalt und lieblos werden wird (Mt. 24,11). Würde Gott nicht eingreifen, so müssten selbst die Auserwählten geistlich untergehen (Mt. 24,22). Allerdings hat Jesus verheißen seine Jünger zu bewahren (Offb. 3,10). Deshalb können und werden sie auch in diesen bitteren Perioden durchhalten (Mt. 24,12 vgl. Röm.8,38.39) Da nun derartig schlimme Verführungen eintreten sollen, betont Gottes Wort, dass es für die echten Jünger Jesu wichtig ist, innerlich nüchtern zu bleiben: "Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge" (1.Petr. 5,8). Nüchtern im biblischen Sprachgebrauch heißt weder von sich selbst, noch von der Welt oder von anderen Dingen als Jesus allein erfüllt zu sein. Denn selbst Freundschaften (Jak. 4,4), äußerliche Erfolge (Offb. 3,1) oder Gesundheit sind nichts gegen die in Jesus geschenkte Gnade (2. Kor. 12,9). Um die endzeitlichen Verhältnisse klar beurteilen zu können, haben wir einen Maßstab: die Bibel. Schon die ersten Christen prägten für die Bibel den Fachbegriff Kanon. Das Wort Kanon ist ein griechischer Begriff. Ein Kanon war ein lotähnliches Messinstrument, das auf Baustellen eingesetzt wurde. Mit ihm konnte man feststellen, ob Arbeiten korrekt ausgeführt wurden. Die ersten Christen wussten, dass die Bibel Gottes irrtumsloses Wort ist und sahen in ihr einen “Kanon”, ein Messinstrument, für die Echtheit von Glaube und Lehre (2. Petr. 1,21).
Da die Gemeinde besonders in der Endzeit durch falsche Einflüsse bedroht ist, fordert der Geist Gottes die Christen auf: "Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt" (1.Joh. 4,1). Wie können wir prüfen? Aufgrund des guten Eindrucks, den ein Bruder auf uns macht? Anhand früherer geistlicher Taten, die Menschen vollbracht haben? Oder indem wir uns Autoritäten anvertrauen, die meinen, durch Ämter, Titel oder Geistesgaben prüfen zu können, was Gottes Wille sei? Das ist unmöglich! Das sind viel zu beschränkte Prüfinstrumente.
Nur das durch Gottes Geist inspirierte Wort der Bibel kann Autorität sein, um Lehre und Irrlehre, geistlich, fleischlich und satanisch zu unterscheiden (Hebr. 12,4; Eph. 5,17). Deshalb wird dieses Wort als Licht in den verwirrenden Verhältnissen der Endzeit genannt: "Um so fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen. Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist. Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet" (2. Petr. 1,19-21).
Da geistliche Verwirrung die größte Gefahr für die endzeitliche Gemeinde ist, müssen wir alle führenden Persönlichkeiten der Christenheit, alle Entwicklungen, Bewegungen und Lehren im Licht des von Gottes Geist inspirierten Wortes prüfen. Personen und Bewegungen, die diese Prüfung als Beleidigung abtun, beweisen damit, dass sie nicht geistlichen Ursprungs sind. Denn Gottes Geist fordert zum Prüfen auf. Der Geist Gottes freut sich, wenn Christen tun, was er in seinem Wort verlangt: Prüfen. Nur Menschliches und Teuflisches, dass sich hinter einer geistlichen Maske versteckt, ist über Prüfung empört, denn es fürchtet Aufdeckung. Eine der einflussreichsten Erscheinungen in der heutigen Christenheit ist die so genannte Ökumenische Bewegung. Da diese Bewegung viele Christen geprägt hat und die meisten Kirchen von ihr erfasst sind, muss auch sie im Licht der Heiligen Schrift geprüft werden. Wir müssen untersuchen, welche Bedeutung sie hat, welche Kräfte sie voranbringen und was sie bewirkt. Längst ist die Ökumenische Bewegung kein Außenseiteranliegen weniger Aktivistenmehr. Für viele Kirchen und ihre Oberen ist sie eine unantastbare heilige Kuh. Wer sie in Zweifel zieht, macht sich in deren Augen der Blasphemie (Gotteslästerung) schuldig. Deshalb geraten die, die sich kritisch mit ihr auseinander setzen, in die Gefahr, von den Kirchen und christlichen Bewegungen unserer Zeit zu Außenseitern, Querulanten oder gar Sektierern gestempelt zu werden.(1) Selbst Kreise und Personen, die dieser Bewegung früher skeptisch gegenüberstanden, werden zunehmend von ihr beeindruckt.
Auch ist die Ökumenische Bewegung nicht mehr an einige wenige Organisationen, wie den Weltrat der Kirche (ÖRK) oder die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) gebunden. Vielmehr gibt es eine Vielzahl von Organisationen, Persönlichkeiten und Einzelaktivitäten, die scheinbar nichts mit der Ökumene zu tun haben, die aber vom gleichen Geist geprägt sind. Größtenteils standen die so genannten Evangelikalen der Ökumene lange reserviert gegenüber. Heute ist auch in ihrer Mitte der ökumenische Gedanke zuhause. Selbst der sich als protestantisch-fundamentalistisch verstehende Südliche Baptistenbund der USA führte Gespräche mit der Römisch-Katholischen Kirche. Neben Unterschieden wurde auch Konsens festgestellt.(2)Manche echten Jünger Jesu meinen für Jesu Reich zu wirken, wenn sie ökumenische Aktivitäten vorantreiben. Schon unter den Vätern des ökumenischen Gedankens erkennt man einige Christen, die sicher ein tiefes persönliches Verhältnis zu Jesus hatten. Wenn in diesem Buch Kirchen, Gemeinden, christliche Organisationen oder Personen genannt werden, die Jesus lieb haben, aber dem Rausch der Ökumene erlegen oder zumindest von ihr eingefangen sind, wollen wir diese Mitchristen weder denunzieren noch verletzen. Wir achten jeden, der auch dem Herrn Jesus glaubt, als Schwester oder Bruder. Wir unterstellen ihnen auch keine menschlich niedrigen Beweggründe. Wir sehen manchen beachtenswerten Eifer. Aber es gibt auch einen Eifer im Irrtum. Es gibt auch einen Eifer, der einen guten Anfang hat, aber dann fleischlich endet (Gal. 3,3). Schon zu Beginn des Christentums war es eine Aufgabe der Gläubigen, vor falschen Wegen zu warnen und wenn nötig auch Brüdern zu widersprechen. Dies tat auch Paulus, als er Petrus auf seinem falschen Weg entgegentreten musste (Gal. 2,11-14). Ein solches Verhalten ist nicht ungeistlich oder lieblos. Vielmehr ist es von der Liebe zu Jesus geprägt. Die Schrift fordert uns auf, die Geister zu prüfen und Geschwister vor falschen Wegen zu warnen (Jak. 5,19.20).

Fußnoten
(1) Ernst Klett Verlag, "Arbeitsblätter Religion" Sekten – Wege zum Heil, gibt für den Religionsunterricht folgende Kriterien, an denen Sekten zu erkennen sind, an:

1. nationalistische politische Haltung
2. früher radikaler Antikommunismus, jetzt Schüren von Ängsten vor dem Islam
3. radikale Ablehnung der Liberalisierung der Abtreibungsgesetze
4. Bekämpfung liberaler theologisch-religöser Auffassungen als Verfallserscheinungen des Christentums
5. Ablehnung der modernen Bibelexegese (z.B. symbolische Auslegung der Wundergeschichten)
6. Glaube an die persönliche Existenz und die Macht des Satans
7. klare Trennung der Welt in Gut und Böse
8. Vorstellung von Gott als einen strengen Richter
9. Feindschaft gegen ökumenische Bestrebungen

(2) Idea 42/99